Bodo Hornig

Psychologie der Anleger (1): Die Stärke der kurzfristigen Verlockung

Ein kleines Experiment. Man stellt Versuchspersonen vor die Entscheidung, in genau einem Jahr € 100 zu bekommen. Oder alternativ € 110, wenn sie sich noch einen Tag länger gedulden. Erwartungsgemäß entscheiden sich die meisten Probanden dafür, ein Jahr und einen Tag zu warten, um die € 110 zu erlangen.

Was passiert aber, wenn wir das Experiment in die Gegenwart verlegen?

€ 100 heute oder € 110 morgen? Erstaunlicherweise entscheidet sich nun der Großteil für die sofortige Belohnung. Wie ist es möglich, dass wir in der Zukunft bereit sind, noch einen Tag länger zu warten, um € 10 mehr zu bekommen, wenn das Geld aber heute auf dem Tisch liegt, dann nicht?

Wir sind also in unserer Bewertung desselben Sachverhalts inkonsistent – abhängig von der Zeit.

Dieses Verhalten ist ein großes Problem, gerade wenn wir über Altersvorsorge reden.

Haben wir erstmal Geld auf dem Konto, wird in unserem Gehirn das Belohnungszentrum aktiviert, wir handeln impulsiv und geben das Geld meistens aus. Die Bereiche für Selbstkontrolle und kognitive Prozesse ziehen den Kürzeren. Wir legen heute nicht an.

Wir benötigen also Hilfe. Es gibt zwei Möglichkeiten, das Gehirn zu überlisten:

  1. Wir nehmen uns die Möglichkeit, das Geld auszugeben, in dem wir es noch am Tag des Geldeingangs auch schon wieder vom Konto abbuchen lassen. Wir haben die Belohnung also erst gar nicht vor Augen.
  2. Wir sparen heute für morgen. Indem wir heute einen Sparplan abschließen, der zu einem festen Datum in der Zukunft startet. Oder zum Beispiel von jeder zukünftigen Gehaltserhöhung einen festen Prozentsatz für die Altersvorsorge einplanen.